Katharina Seidl

Exklusiver Heftinhalt

Zahlen, Daten, Fakten – voller Gastgarten

4. Oktober 2017, 9:32

Katharina Seidl hat gerade ihr Studium der Finanzwissenschaften abgeschlossen und bezeichnet sich selbst als Nicht-Gastronomin. Dabei führt sie seit einem guten halben Jahr einen Gastronomiebetrieb. Gemeinsam mit ihrem Bruder hat sie das neue Hofbräu Krems am Steinertor eröffnet – die Idee ihres Vaters, realisiert als Familienprojekt. Ein GASTWIRT-Gespräch über Stammtischkultur, Dekoration am falschen Platz und überdimensionale Bierpferde.

 

Ein neues Hofbräuhaus in Krems – das klingt interessant. Ich bekomme den Sohn des Hauses als Interviewkontakt empfohlen. Der verweist mich nach zwei E-Mails freundlich aber bestimmt an seine Schwester. Am vereinbarten Termin steht plötzlich noch der Papa vor mir … Das Rätsel ist schnell aufgelöst: „Sie brauchen doch einen Gastronomen – das sind wir eigentlich alle nicht.“ Am Ende einigen wir uns auf Katharina Seidl – frischgebackene Finanzfachfrau und diejenige, die im jungen Betrieb Zahlen, Daten und Fakten im Griff hat.

 

Ein Wirtshaus mit gutbürgerlicher Küche und großem Gastgarten – das gab es am Steiner Tor in Krems schon immer. Nur sei das Etablissement letztlich heruntergewirtschaftet gewesen – „warmes Bier und kaltes Gulasch“ bringt es Othmar Seidl auf den Punkt. Irgendwann hätte man ihm das Grundstück angeboten und da der Immobilienunternehmer gerade das Einkaufszentrum am Steiner Tor erworben hatte, überlegt er nur kurz und greift zu. „Eigentlich konnte nix schiefgehen, mitten im Zentrum, die Lage gelernt – mit einem guten Konzept …“

 

Ein bayrischer Biergarten im Wachauer-Weinparadies?

Aber genau dieses Konzept zu finden, gestaltet sich schwieriger als gedacht. Othmar Seidl mangelt es nicht an Ideen. „Im Gegenteil, manchmal sprudeln die so aus ihm heraus, dass wir ihn bremsen müssen!“, lacht Tochter Katharina. Schnell ist klar, dass es „etwas mit Bier“ sein soll. Ein Biergarten vielleicht? Eine nach der anderen werden die umliegenden Brauereien angefragt – alle antworten sinngemäß: „Na, Bier können wir Ihnen liefern, kein Problem!“ Allein – das reicht den Seidls nicht. Der Deal mit dem Papa lautet: „Ich finanziere, ihr macht!“ – eine super Sache, sind sich Julian und Katharina einig, bloß wollen sie auch voll hinter dem Unternehmen stehen können, das sie da betreiben sollen und dazu braucht es eine zündendere Idee als nur „Bier“. Eine Gruppe bayerischer Studenten, die eines Abends laut singend durch die Kremser Altstadt ziehen, liefert den finalen Denkanstoß: Das Münchner Hofbräuhaus vergibt sein Bier samt aller Marketingnebengeräusche in Lizenz. Im weitesten Sinne ein Franchisesystem, aber mit einigen Freiheiten, was die Ausgestaltung betrifft. „Aber auch vielen Auflagen“, wirft Katharina, die Finanzfachfrau ein. „Schließlich haben die Münchner einen Ruf zu verteidigen und die schauen sich ganz genau an, wem sie den Zuschlag geben, in Österreich gab es bisher nur zwei HB-Filialen.“ Schließlich bekommt Familie Seidl tatsächlich grünes Licht und es kann losgehen.

 

Ein Luftballon mit Schaumkrone

Vielleicht sind die Seidls tatsächlich keine Gastronomen, aber sie besitzen unternehmerischen Hausverstand: „Erst einmal testen“, sind sie sich einig und so gibt es im Sommer 2016 ein Softopening. Vielleicht kommt so ein „richtig bayerischer Biergarten“ mitten im Weinland Wachau ja gar nicht an – wer weiß? Heute muss Katharina Seidl – sie hatte die meisten Bedenken – sehr schmunzeln über ihre Ängste. „Wir haben das Türl aufgemacht und die ersten Gäste sind hereinspaziert. Innerhalb von zwei Stunden war der Garten voll!“ Das hätte sich dann den ganzen Sommer nicht mehr wesentlich geändert, so ihre Kurzversion. Was die Finanzerin, die auch für Marketing und PR verantwortlich zeichnet, bescheiden verschweigt, ist die Tatsache, dass sie sich in der Vorbereitungszeit vorgenommen hatte, das Umsatzpotenzial der Fußball-WM voll auszuschöpfen und entsprechend intensiv die Werbetrommel zu rühren. „Ja stimmt, wir haben mit unseren Fanpackages ein bisschen nachgeholfen und – einen Nerv getroffen“, gibt sie auf meine hartnäckige Nachfrage zu. Das Fankörberl, das die Seidls – wie bei ihnen üblich – eines Sonntagvormittags beim Frühschoppen aushecken, besteht aus einem Konsumations-Wertgutschein, einem HB-T-Shirt, Bierkrug und Schlüsselband – alles hochwertig, die Message soll ja mit Stolz hinausgetragen werden können in die Welt. Dafür sorgt auch der Preis: 35 Euro sind für die angestrebte Klientel nicht gerade wenig. Trotzdem – oder gerade deswegen? – sind die Pakete der volle Renner und am Ende des Aktionszeitraumes nahezu ausverkauft. „Wir haben uns überlegt, wo und wie bekommen wir Fußballfans aus anderen Nationen als Österreich und Deutschland hier herein?“ Die Antwort sei eigentlich einfach gewesen, schmunzelt Seidl: „ Krems ist eine Universitätsstadt – Donau-Uni, IMC Krems und die DPU Krems – 3.000 junge Menschen aus ganz Europa …“ Der Plan geht voll auf und hat noch einen positiven Nebeneffekt: Die Studenten haben keinerlei Berührungsängste mit Bier und auch keine mit der Selbstbedienungszone im Gastgarten. Genau das zeichne den „original bayrischen Biergarten“ nämlich aus, erklärt Othmar Seidl. „Im Unterschied zum österreichischen Heurigen ist da ein Bereich abgetrennt und dort kannst du entweder eine mitgebrachte Jause verzehren, oder an der Selbstbedienungstheke einkaufen, wonach dir der Sinn steht.“ Dabei gibt es im Hofbräuhaus in der SB dieselbe Speisenauswahl wie im Bedienbereich.

 

Design ist kein demokratischer Prozess

Jedenfalls ist es im September 2016 keine Frage mehr, dass das Projekt „Hofbräuhaus Steiner Tor Krems“ in vollem Umfang realisiert werden soll. In dieser Phase läuft Katharinas Bruder – Julian Seidl – zur Hochform auf. „Wir sind sehr verschieden, ich bin der Zahlenmensch, er ist der Kreative.“ Julian ist der Inneneinrichter und Chefdesigner im Team. In diesem Bereich hält er auch nichts von demokratischen Entscheidungen, was Schwester Katharina gleich zu Beginn schmerzlich bewusst wird: „Eigentlich wollte ich ihm ja nur helfen und hab einen Karton mit Deko ausgepackt und halt aufgestellt …“

 

Heute lachen beide darüber, damals wurde den Geschwistern klar, dass die Zusammenarbeit nur funktionieren würde, wenn sie die Kompetenzen „sehr klar aufteilen und sich konsequent aus den fremden Bereichen heraushalten.“

 

Ein halbes Jahr später ist die Lektion gelernt und jedes Familienmitglied entwickelt sich in seinem Metier immer mehr zum Experten. Katharina hat die Zahlen im Griff und kümmert sich darum, dass die Gäste einen Grund haben, immer wieder zu kommen. Julian ist verantwortlich, dass das Ambiente passt. „Er hat da eine eigene Formensprache gefunden, kombiniert virtuos Modernes mit Traditionellem und hat es geschafft, in jedem Raum einen Hingucker unterzubringen, der in Erinnerung bleibt!“, erklärt Katharina nicht ohne Bewunderung.

 

Stimmiger Bilderbogen

Ihr Favorit ist das große Wandgemälde mit der Oktoberfestszene, in der der Künstler ihren Vater verewigt hat. Wenig verwunderlich, dass sie sich diesen Raum für unser Fotoshooting aussucht: Am Kachelofen sitzend fügt sie sich quasi nahtlos in das Bild ein – auch wenn sie kein Dirndl trägt. „Ich mag Tracht, unsere Kellner tragen Lederhosen, aber wir sind nicht kampfrustikal, sondern modern mit ländlichem Anstrich und das gefällt mir besonders gut!“ Julian arbeitet viel mit Bildern – in der Damentoilette entführen Fototapeten in den Kabinen zu verschiedenen Plätzen in Krems und im Vorraum zur Weinbar Leopold, die lose mit dem Bräu verbunden ist, blickt ein Pferdekopf von oben aus dem blauen Himmel auf den Gast herunter: Es ist das Portrait eines der Bierkutschenpferde, die das HB zu Anlässen im Einsatz hat. „Das ganze Sechsergespann war zur Eröffnung auf Besuch in Krems“, erzählt Katharina Seidl und braucht nicht extra zu betonen, dass sie eine gewisse Verbindung zu Pferden hat – ihre leuchtenden Augen sprechen Bände. Dreimal die Woche sattelt sie ihren Isländer ‚Kjarkur‘ um mit ihm die speziellen Gangarten zu üben, die nur diese Rasse beherrscht. Die Kutschpferde aus München bringen die Pferdekennerin allerdings an eine Grenze, die ihr bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war: „Ich hab echt gedacht, ich kann mit jedem Pferd, aber als ich diese Riesenviecher hätte halten sollen, hab ich mich geweigert – eine Schulterhöhe von fast zwei Metern – wenn der dich nicht kennt, der putzt dich weg wie nix. Ich hatte richtig Respekt und hab dankend abgelehnt.“

 

MEIN Krügl!

Weniger Berührungsängste hat Katharina Seidl mit den Bierkrügen aus dem Bierkrugsafe. Den führt sie uns bereitwillig vor und zapft dabei auch gleich facebookwirksam ein kühles Bier aus der neuen Selbstzapfanlage von Redl. „Der bayrische Biertrinker schwört auf seinen Humpen – den kann unser Gast jetzt auch bei uns kaufen. Wir beschriften den Krug stilvoll mit seinem Namen, er mietet ein Fach im Bierkrugsafe – samt Vorhängeschloss – und wenn er kommt und Durst hat: Einfach raus den Krug, kurz ausgespült und mit der Prepaid-Karte ein frisches Bier gezapft – so schnell sind nicht einmal unsere Kellner!“, lacht die junge Chefin. Wieder etwas, das die Kremser mit Begeisterung angenommen haben – im Safe sind von 70 Plätzen gerade noch 20 frei. Aber auch diese Idee war kein Selbstläufer im klassischen Sinn: „Mein Vater hatte die Idee, die Stammtischkultur wiederzubeleben, also sind wir von Verein zu Verein und haben alle eingeladen!“ Mittlerweile ist das Hofbräu am Steinertor regelmäßiger Treffpunkt von fünf Stammtischrunden – viele Sportvereine, sogar die Winzer kommen regelmäßig hier zusammen. Und da gehört es fast zum guten Ton, ein eigenes Krügl im Safe zu haben …

 

Familientisch mit Zukunftsaussichten

Es ist Mittagszeit, das Hofbräu füllt sich und plötzlich ist die gesamte Familie Seidl beisammen, samt Mama Maria – sie ist zwar mehr im zweiten Büro beschäftigt, hat aber gerade in der Anfangsphase in Personalfragen geholfen. „Wir haben derzeit immerhin 90 ‚Köpfe‘ – das ist absichtlich ein bisschen überbesetzt, weil wir eben nicht wussten, wie es sich entwickeln wird – meine Mutter kommt aus dem Einzelhandel, sie kennt sich mit Personalfragen perfekt aus. Das Mittagessen wird auch prompt für eine Minibesprechung genutzt, Betriebsleiter Franz Meister schaut kurz vorbei, nur Küchenchef Rene Gorschegg lässt sich entschuldigen – von seiner Seite alles perfekt, lässt er ausrichten. Dass die private Komponente nicht zu kurz kommt, dafür sorgt Magyar-Vizlar Arthur, der von einem Familienmitglied zum nächsten wedelt, als hätte er mindestens zwei Wochen alleine in der Hundehütte verbracht – „überschwänglich anlehnungsbedürftig“ lacht Katharina. Insgesamt hätte sie sich erst an die veränderte Gewichtung Privat/Geschäft gewöhnen müssen, gibt sie zu, da sie aber sehr viel vom örtlich getrennten Büro arbeite, genieße sie die lockeren Zusammenkünfte zwischendurch.

 

„Übrigens hätte ich da ein neues Projekt – eine Geschichte am Attersee …“, nutzt da Othmar Seidl eine Gesprächspause und hat in der Sekunde die volle Aufmerksamkeit am Tisch. „Wurde ja auch Zeit für was Neues!“, neckt ihn Katharina liebevoll. Und wir freuen uns auf die nächste GASTWIRT-Geschichte …

 

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