Sharing

Exklusiver Heftinhalt

Sharing is Caring?

5. September 2017, 9:46

Der Umgang der Politik mit der ‚Sharing Economy‘ hinterlässt bei vielen Unternehmern Unbehagen. Denn rechtliche Grauzonen führen zu extremen Verzerrungen im Wettbewerb. Private konkurrieren stärker denn je mit Betrieben – unter ganz anderen Auflagen, etwa beim Brandschutz. Sie verstecken sich hinter Pseudonymen, sodass sich nicht nachvollziehen lässt, welche Einnahmen versteuert werden und welche nicht. Neue von der ÖHV angeregte Tourismusgesetze versprechen Verbesserungen. Und auch findige Unternehmer haben Sharing-Ideen entwickelt, die der Gastronomie und Hotellerie nützen, anstatt zu schaden!

 

Text & Foto: Elisabeth Waxmund

 

„Airbnb ist eine Plattform wie Booking. Inwieweit sie dazu missbraucht werden kann, Einnahmen vor Behörden zu verstecken, liegt an der Politik“, hält Martin Stanits von der ÖHV fest. Vielen Unternehmern ist ein Dorn im Auge, wie unbeholfen die Politik bislang mit dem neuen Mitbewerb umgeht. Denn zwischen den anonymen Privatvermieter-Pseudonymen verstecken sich oft Profis mit zig Angeboten im Portfolio. Problematisch dabei: Teure Reglementierungen für Brandschutz oder Barrierefreiheit, wie sie in Hotels verpflichtend einzuhalten sind, gibt es für Private nicht, und auch bei den Tourismusabgaben herrscht der Schlendrian. Vor allem für KMUs fallen diese Umstände schwer ins Gewicht: „Jede Schublade im Hotel muss feuerfest sein. Jeder Handgriff, jeder Steuer-Euro wird dreimal kontrolliert, jeder kleine Fehler bestraft – und private Anbieter verstecken sich hinter dem Datenschutz. Für gewerbliche Anbieter gilt der seltsamerweise nie.“ Stanits fordert eine Angleichung: „Das heißt nicht, die Anforderungen an gewerbliche Anbieter 1:1 auf private umzulegen. Aber man muss auch nicht komplett wegschauen. Der goldene Mittelweg wäre ein rechtlicher Rahmen für private Anbieter und weniger Bürokratie für gewerbliche.“

 

Und langsam kommt nun auch wirklich Bewegung in die Sache: Seit das neue Tourismusförderungsgesetz angekündigt wurde, hat sich die Zahl der Ortstaxenkonten in Wien um fast 50 Prozent erhöht, von rund 1.000 auf fast 1.500: „Das Gesetz zeigt erstens Wirkung und zweitens, dass davor wahrscheinlich nicht alles deklariert wurde“, so Stanits. Er betont weiters, dass es nicht das erklärte Ziel sei, die neue Konkurrenz einzuschränken, sondern „Fairbnb“. Denn grundsätzlich hat die Sharing-Idee Potenzial – innerhalb von Wettbewerbsrichtlinien. Durch Teilen werden Ressourcen besser genutzt. Neue Konzepte müssen also her: Konzepte, die auch Hoteliers und Gastronomen nützen, anstatt ihnen zu schaden.

 

Gleichberechtigung am Herd

Einer, der Hoffnung in die Idee gesetzt hat, ist Roland Konzak. Mit seinen zwei ‚I eat Vienna‘ Food Trucks tischt er im Großraum Wien bei Events und privaten Veranstaltungen auf (alles zum Thema Food Trucks lesen Sie übrigens in Ausgabe 02/2017 des GASTWIRT). Sein Problem: „Die Logistik!“. Vorbereiten, Kochen, Lagern, Abwaschen – ein geeigneter Arbeitsplatz, der alle gewerberechtlichen Anforderungen und Hygienebestimmungen erfüllt, ist nicht leicht zu finden; schon gar nicht zu erschwinglichen Konditionen. Heimlich in seiner Privatküche zu kochen – wie in der Branche leider nicht unüblich – ist für Konzak keine Option. „Den Stress mit den Behörden tu ich mir nicht an!“ Nun hat er eine für ihn passende Lösung gefunden: Er ist einer der ersten Mieter der herd – Open Kitchen.

 

In der ehemaligen Siemens-Kantine im zehnten Wiener Gemeindebezirk, direkt hinter den Baugründen des Hauptbahnhofes, steht der Food-Trucker nun auf rund 700 Quadratmeter gleichberechtigt neben Caterern, Spitzenköchen – und der Dame, die hier ihre Marmelade einkocht. „Bei herd ist Platz für jeden, der Raum für die Zubereitung von Speisen braucht – gewerblich oder privat“, erklärt herd-Gründer Marko Ertl. Je nach Bedarf kann in der Gemeinschaftsküche ein großer oder kleiner Arbeitsplatz angemietet werden; außerdem stehen den Mitgliedern alle vorhandenen Geräte zur freien ­Verfügung: von Kombidämpfer über gigantische Kipper und Fritteusen bis hin zum ­Vakuumiergerät. Trocken- und Kühllager sind je nach Paket inkludiert und auch um Endreinigung, Schädlingsmonitoring, Müllentsorgung oder die Instandhaltung der Geräte müssen die Mitglieder sich nicht selbst kümmern. „Hätten wir alleine einen Kombidämpfer anschaffen wollen, hätten wir erst einmal richtig viele Backhendl-Boxen verkaufen müssen“, lacht Konzak. „Jetzt stehen uns Top-Geräte zur Verfügung!“ Denn gerade die Gastronomie, ist auch Ertl sicher, sei eine Branche, in der man viel investieren müsste, um sich selbstständig zu machen. „Am Anfang eine extreme Hürde!“

 

Konzak hat bei herd eine Vollmitgliedschaft sowie einige zusätzliche Lagerplätze erworben. Sein Logistikproblem ist damit gelöst – drei bis viermal pro Tag schaut er in der Küche vorbei. „Früher waren wir nach unseren Veranstaltungen locker zwei bis drei Stunden mit Abwaschen beschäftigt – jetzt kommt alles in den Haubenspüler – fertig.“ Auch, dass die Küche genügend Raum zum Wachsen bietet, hebt Konzak lobend hervor. Ein Anliegen, das Ertl gezielt unterstützt: „Unsere Mitglieder supporten sich gegenseitig und auch das Partnernetzwerk wächst stetig!“ Der gemeinsame Einkauf – etwa bei Partner Metro – ermöglicht günstige Konditionen, es gibt ein gemeinsames Marketing und überdies tritt herd – wenn die Mitglieder das möchten – als Generalcaterer auf, wodurch auch die kleineren Anbieter bei Großaufträgen eine Chance haben. Je nach Verfügbarkeit und Kundenwunsch werden dann etwa afghanische Spezialitäten von ‚Topfreisen‘ gemeinsam mit Burritos von den ‚Wrapstars‘ oder Konzaks Tafelspitzburgern serviert.

 

Sichere Arbeitskräfte und -plätze!

Gemeinsames geteilt wird auch beim Modell der „AGZs“. Gastronomen, Hoteliers, aber auch branchenfremde Unternehmer kooperieren dabei freiwillig in sogenannten „Arbeitgeberzusammenschlüssen“ und „teilen“ sich Personal. Ob Servicekraft, Küchenhilfe, Koch oder Lohnverrechnung – je nach Bedarf stehen den Mitgliedern eines AGZ (Vollzeit-)Beschäftige unterschiedlicher Qualifikationen zur Verfügung, die zusätzlich zum Stammpersonal in den Betrieben eingesetzt werden. Gerade Saisonbetriebe oder Unternehmen, die nicht durchgehend voll ausgelastet sind, haben es mitunter schwerer gut geschulte Fachkräfte zu finden – vor allem, wenn sie nur zu bestimmten Zeiten oder zu saisonalen Spitzen gebraucht werden.

 

In einem AGZ arbeiten im Idealfall Arbeitgeber mit sogenannten ‚Komplementär-Bedarfen‘ zusammen – das sind Betriebe, die gegensätzliche Sommer- und Wintersaison haben oder Unternehmen, die sich ihre Mitarbeiter über die einzelnen Wochentage aufteilen. „Die Betriebe können durch einen Arbeitgeberzusammenschluss flexibler auf ihre Wirtschaftslage reagieren und sich gleichzeitig auf eine sichere Bindung ihrer qualifizierten Beschäftigten verlassen. So ist langfristige Personalentwicklung, vor allem auch für kleinere Betriebe, leistbar und erstmals möglich!“, so Alexander Szöllösy, der sich bei dem vom Sozialministerium geförderten Arbeitsmarktprojekt für die AGZs stark macht. Mindestens im gleichen Ausmaß wie die Arbeitgeber profitieren die Arbeitnehmer: Anders als bei Zeitarbeitsfirmen sind die Beschäftigten im AGZ das ganze Jahr über fix angestellt. „Klarerweise wünscht sich der Arbeitnehmer über das Jahr hinweg durchgängige Arbeitsplatzsicherheit, was in der Gastronomie aber leider nicht immer möglich ist. Im AGZ hingegen wird eine ganzjährige Vollanstellung angestrebt beziehungsweise durch die Konfiguration von Einzelbedarfen der Mitgliedsbetriebe ermöglicht“, so Szöllösy.

 

Den Politikansatz, dem die AGZs folgen, definiert die Europäische Kommission als „Flexicurity“ – ein Versuch, zwei grundsätzliche Bedürfnisse – Flexibilität für die Arbeitgeber und Arbeitsplatzsicherheit für die Arbeitnehmer – miteinander in Einklang zu bringen. „Diese Kombination könnte eine Antwort auf die Frage sein, wie die Wettbewerbsfähigkeit bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des europäischen Sozialmodells gewährleistet und erhöht werden kann. Zudem können über das AGZ-Modell neue attraktive Arbeitsplätze geschaffen werden“, ist Szöllösy sicher. Gewinne erzielen die AGZs durch ihre Zusammenarbeit keine – die Kooperationsform ist eher als „Selbsthilfeinstrument für Arbeitgeber“ gedacht, um eine bessere Flexibilität zu erreichen. „Die Spielregeln zur Zusammenarbeit im Personalmanagement legen die Unternehmer selbst fest – sie teilen sich auch gemeinsam das Kosten- und Beschäftigungsrisiko“, so Szöllösy.

 

Dass das Modell funktioniert, beweist ein Blick über die Grenzen: „In Frankreich gibt es schon über 5.000 erfolgreiche AGZs, die täglich Mitarbeiter beschäftigen und Arbeitgeber durch zusätzliche Kompetenzen stärken. In Österreich stehen wir erst am Anfang – aber auch hier laufen unsere Projektregionen, wie etwa in St. Pölten, schon ganz von alleine!“ freut sich Szöllösy.

 

Vertrauen und Networking

Geteilt wird auch im ersten Bezirk in Wien – nicht aber Arbeitskräfte oder Küchengeräte, sondern Raum für Wein und Networking. In den geschichtsträchtigen Gewölben des Kipferlhauses in der Grünangergasse 8, nur wenige Gehminuten vom Stephansdom entfernt, hat im vergangenen Jahr nämlich die erste ‚wineBANK‘ Österreichs eröffnet: ein exklusiver Weinklub, der neben Fächern zur Einlagerung von Weinen Platz für repräsentative Meetings und für Networking bietet. Rund um die Uhr, an sieben Tagen der Woche können die ‚wineBANKer‘ hier nicht nur ihre Weine in privaten Fächern einlagern, sondern diese auch direkt vor Ort genießen. Gläser, Weinkühler, Karaffen aber auch Snacks wie Käse aus dem hauseigenen Käsereiflager von Anton Sutterlütty, Oliven oder Grissini stehen bereit – der Clou: Die Mitglieder selbst sind Gastgeber. Denn Servicepersonal gibt es in der wineBANK keines. Ehrlichkeit würde von den Mitgliedern gelebt – Snacks, als auch Weine aus dem ‚offenen Regal‘ seien selbst abzurechnen, erzählt Mitgründer Steven Buttlar. Er kennt seine Kunden – gerade Gastronomen würden diesen Rahmen gerne nutzen: „Einerseits natürlich, um Weine einzulagern – andererseits aber auch, um etwa mit den Mitarbeitern nach der Arbeit als Incentive noch ein paar Flaschen zu trinken.“

 

Als Konkurrenz zur Gastronomie sieht Buttlar die wineBANK nicht: „Wir ergänzen die Gastronomie, unsere Kunden bauen den Besuch in der wineBANK sowie ein schönes Essen im Restaurant gleichberechtigt in ihren Abend ein.“ Außerdem würde die Zusammenarbeit mit umliegenden Gastronomiebetrieben stark unterstützt werden, so Buttlar, der die wineBANK als Sharing-Modell im ersten Sinne betrachtet. „Wir bieten einen toll hergerichteten Communityspace, den alle Mitglieder zu jeder Zeit nutzen können – und aus der Gemeinsamkeit ist schon das eine oder andere große Geschäft entstanden …“ zwinkert Buttlar.

 

Gemeinsam kämpfen

Ob nun in der Gemeinschaftsküche, in kollektiv genutzten Repräsentationsräumen oder beim Teilen von Mitarbeitern – wer offen ist, sich auf neue Sharing-Ideen einzulassen, profitiert. Modelle wie herd oder die Arbeitgeberzusammenschlüsse zeigen, dass die Sharing-Ideen Gerechtigkeit am Markt nicht grundsätzlich ausschließen, sondern diese oft sogar anstreben und unterstützen. An der Politik liegt es nun, diese auch in anderen Bereichen umzusetzen – und unfaire Wettbewerbshürden in der Hotellerie abzubauen … Die ÖHV wird jedenfalls kämpfen!

 

Weitere Informationen:

www.oehv.at
www.ressourcenzentrum.at
www.herd.co.at
www.winebank.at

 

Wie gründe ich einen AGZ?

Alexander Szöllösy: „Ganz selbstständig können Betriebe sich als AGZ zusammenschließen. Dabei bestimmen die Mitglieder auch den Geschäftsführer des AGZ – meist sind AGZs als Verein, Genossenschaft oder als GmbH organisiert. Das AGZ-Management ist unter anderem für das Recruiting – inklusive Vorauswahl – des Personals verantwortlich, kümmert sich um die Dienstpläne der Mitarbeiter und lenkt die Kommunikation zwischen den Betrieben. Als Anlauf- und Beratungsstelle unterstützt das AGZ Ressourcenzentrum Österreich Interessenten aller Bundesländer in allen Phasen der Implementierung – vom Erstgespräch bis zur Gründung.“

 

zum Magazin

Branchentalk

Kick-Off des 11. Wettkampf der Top-Lehrlinge

Mit einem exklusiven Netzwerk-Event startete der 11. Wettkampf der Top-Lehrlinge von Amuse Bouche vergangene Woche im ARCOTEL Wimberger in die neue Saison. Spitzenhotels aus ganz Österreich entsenden ihre Top-Lehrlingsteams aus Küche und Service zum spannenden Team-Wettkampf und ermöglichen den  [ weiterlesen ]

Nah&Frisch Neueröffnung in Ebersdorf

Manuel Reichl und Jennifer Reumann sorgen für die Nahversorgung von Ebersdorf. Ebersdorf ist eine lebenswerte Gemeinde mit über 1.200 Einwohnern im steirischen Bezirk Hartberg. Zu einer intakten Infrastruktur gehört natürlich auch ein eigener Nahversorger. Nachdem im vergangenen Sommer der  [ weiterlesen ]

EXKLUSIVER HEFTINHALT

Werner Matt – Making of

Der legendäre langjährige Executive Chef der Wiener Hilton Hotels Werner Matt besucht mit dem GASTWIRT seinen ehemaligen Schüler Haubengastronom Uwe Machreich in Krumbach bei Bad Schönau.   Und natürlich gab es einiges zu verkosten…     Den Beitrag zum  [ weiterlesen ]

Food

Sommer, Sonne, Grillsaision im Handelshaus WEDL

Wedl bringt köstliche Vielfalt auf den Rost   Das leise Knistern von Holzkohle, feine Rauchschwaden und der köstliche Duft von frischem Fleisch und Gemüse – das kann nur eines bedeuten: die Grillsaison ist eröffnet! Frische Salate, pikante Gewürze und  [ weiterlesen ]

Business

R&S Gourmets unterwegs „Im Auftrag der Besten“

R&S Gourmets schaut auf ein positives und ereignisreiches Geschäftsjahr 2017 zurück. Der Spezialitäten-Großhändler mit 65 Mitarbeitern konnte seinen Umsatz auf 28,4 Mio. Euro erhöhen. Auch der Ausblick für 2018 ist vielversprechend. Seit Jänner ist zudem mit Branchen-Kenner Sebastian Rustler  [ weiterlesen ]

Business

Neuer Geschäftsführer bei R&S Gourmets

Seit Jänner 2018 ist mit Branchen-Kenner Sebastian Rustler ein neuer Geschäftsführer mit an Bord beim Spezialitäten-Großhändler R&S Gourmets.   Nach Jahren in der deutschen Sternegastronomie wechselte der gelernte Koch Sebastian Rustler zum Fischspezialisten Deutsche See. Dort blickt der 35-Jährige  [ weiterlesen ]