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Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit und Management

20. Oktober 2015, 12:03

Im Gespräch mit Alexander Holst, Managing Director bei Accenture und Leiter Sustainability Services für die DACH-Region.

Magazin Q1, Ausgabe Nr. 5 / 2015

INTERVIEW: PETER R. NESTLER

Q1: Wie sehr ist das Thema Nachhaltigkeit in der Wirtschaft angekommen?

Alexander Holst: Die UN Global Compact CEO Study, die größte weltweite Nachhaltigkeits-Umfrage unter Führungskräften, stellt hier ein klares „Ja“ fest: 93 Prozent der Führungskräfte räumen Nachhaltigkeit eine hohe oder sehr hohe Wichtigkeit für Unternehmen ein. Mit viel Motivation starteten viele Initiativen. Schauen Sie auf die Unternehmen im ATX oder DAX: Fast alle präsentieren auf ihrer Startseite im Internet die Themen Nachhaltigkeit, Sustainability oder Responsibility. Zugegebener Maßen sind die CEOs aber mit dem Fortschritt nicht zufrieden – sie stellen eine Art „Plateau-Effekt“ fest. Allen wird klar, dass es nicht reicht, etwas nur „grün anzustreichen“, sondern mit einem fundierten Business Case die richtigen Akteure innerhalb und außerhalb des Unternehmens mitzunehmen.

Welche Dimensionen des Denkens umfasst heute der Begriff Nachhaltigkeit, in welchen Bereichen besteht eine substanzielle Verankerung?

Führende Unternehmen setzen bei Nachhaltigkeit auf Innovation und Resilienz. Denn Sustainability erfordert zum einen die Fähigkeit den Blick nach vorne zu richten, zum anderen sich laufend an die sich ändernden Umweltbedingungen anzupassen. Das können Maßnahmen sein, die sich auf den Klimawandel beziehen, oder mit bestimmten strengeren Regulierungen zu tun haben. Auch neue effizientere Technologien oder wegweisende neue Geschäftsfelder im Umfeld von Ressourceneffizienz schaffen hier Chancen für die Zukunft.
Dieses Denken erfordert ein großes Maß an Interdisziplinarität. Neben der betriebswirtschaftlichen Perspektive ist die technische Seite in den Umweltwissenschaften verankert. Um den komplexen Herausforderungen mit einer Vielfalt an Lösungen zu begegnen, ist die sozialwissenschaftliche Herangehensweise, in Systemen zu denken, sehr hilfreich.

Welche Branchen sind Leaders in Sachen Nachhaltigkeit und welche sind die Nachzügler?

Oft sind jene Branche besonders aktiv, die es am meisten nötig haben. In den 80er Jahren war es die Chemische Industrie, nachdem Organisationen wie Greenpeace und andere öffentlich auf Missstände aufmerksam gemacht haben. Mit ähnlichen Kampagnen hat sich in den 90er-Jahren viel in der Textilbranche getan – hier ist der Wandel wie aktuelle Vorfälle zeigen, noch lange nicht abgeschlossen. Was mich optimistisch stimmt ist, dass Unternehmen mehr und mehr Nachhaltigkeit als Innovationstreiber oder zur Markterschließung nutzen.

Ein Beispiel: Accenture hat kürzlich die Global e-Sustainability Initiative (GeSI) dabei unterstützt, die ökologischen, wirtschaftlichen und
sozialen Vorteile durch den Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) bis zum Jahr 2030 abzuschätzen. Das Ergebnis: Die IKT können in den nächsten 15 Jahren eine 20-prozentige Senkung der weltweiten CO2- Emissionen bewirken. Die Bewertung stützt sich auf acht weltwirtschaftliche Sektoren – Energie, Lebensmittel, industrielle Fertigung, Gesundheit, Bau- und
Wohnungswesen, Arbeit/Gewerbe, Wissenserwerb sowie Mobilität/Logistik. Diese Reduktion entspricht einer Wirtschaftsleistung von elf Billionen US-Dollar, vergleichbar mit dem aktuellen GDP von China.

Eine ähnliche Frage geografisch: Wo spielt Nachhaltigkeit die größte Rolle, wo gar keine und was sind die wesentlichen Gründe dafür?

Es gibt geografische Unterschiede in der Motivation. Im deutschsprachigen Raum haben wir mit der Zeit ein Umweltbewusstsein entwickelt, weil wir es für richtig halten. In China hingegen gibt es ganz handfeste Gründe für die Bevölkerung einen nachhaltigen Wandel zu fordern. Luftverschmutzung in den Städten, mangelhafte Produktstandards etc. wirken sich eklatant auf die Gesundheit der Menschen aus. Das bestätigt uns eine Studie unter 30.000 Konsumenten weltweit, die Accenture im Auftrag des UN Global Compact und der HAVAS MediaGroup erstellt hat. Auf dem Afrikanischen Kontinent erwarten Konsumenten von den Unternehmen, dass sie sich insbesondere auf einen gesellschaftlichen Beitrag konzentrieren – auch hier richtet sich das an einer konkreten Problemlage aus. In den USA gibt es die meisten Klimawandel-Verneiner in den Regierungsinstitutionen – dies ist ein Grund dafür, warum Nachhaltigkeit beim Marktzugang stark mit einem konkreten Kundennutzen in Verbindung gebracht wird. Nachhaltigkeit als Kaufkriterium ist dort für etwa 22 Prozent der Konsumenten relevant.

Nachhaltigkeit und Management – Wo im Unternehmen wird Nachhaltigkeit heute überwiegend angesiedelt und ist das zielführend für diese?

Wir können vier verschiedene Ansätze beobachten: Modell eins geht davon aus, dass Sustainability zentral als Stabstelle organisiert ist. Im Modell zwei ist Sustainability dezentral in kleineren Teams angesiedelt. Das Modell drei ist von einer starken Nachhaltigkeitskultur geprägt und jeder Mitarbeiter übernimmt individuell Verantwortlichkeiten. Im vierten Modell setzt das Unternehmen auf eine starke Marktorientierung, bei der sich Nachhaltigkeit explizit an Produkten und Services ausrichtet. Jedes dieser Zugänge hat Vorund Nachteile, die für die jeweilige Organisation passen müssen.

Für ein erfolgreiches Nachhaltigkeits-Management sind sieben Fähigkeiten nötig. Zwei möchte ich hervorheben: Die effektive Steuerung
von Veränderung, „Change Management“, sowie das Wissen um die wertsteigernden Effekte, die sich durch nachhaltiges Wirtschaften erzielen lassen „Communication of Performance“. So setzt das Unternehmen Marks & Spencer Anreize für Veränderungen, in dem Einheiten ein zentrales Innovationsbudget beantragen können, wenn sie eine kraftvolle Projektorganisation vorweisen können.

Der Kommunikation des Erfolgs messen auch Institutionen wie das World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) besondere Bedeutung bei: Je deutlicher wird, dass sich Nachhaltigkeit für Unternehmen rechnet, desto ist größer die Motivation, sie in die Unternehmensziele aufzunehmen.

Seit einigen Jahren leidet die Wirtschaft nun schon unter einer Krise. Wie hat sich das Verhalten der Firmenchefs da in Sachen Nachhaltigkeit entwickelt?

Unternehmen, die sich einem massiven Umbau unterziehen, sind oft von Nachhaltigkeit getrieben. Ein Beispiel ist etwa die Energiewende. Hier müssen erstmal alle Feuer gelöscht werden, damit die Resilienz wieder sichergestellt werden kann. Andere Unternehmen befassen sich gerade in der Krise mit neuen Konzepten – hier finde ich die Entwicklung von smarten, intelligenten und energieeffizienten Produkt- und Service-Portfolios besonders inspirierend. Diese Themen bekommen derzeit eine erweiterte Bedeutung für das Geschäft: Sie entkoppeln sich geradezu von Schlagwort „Nachhaltigkeit“. Schauen Sie sich die Innovation in den verschiedenen Branchen an, wie etwa die Automobilindustrie, Stichwort „Mobilität von Morgen“, oder auch die Nahrungsmittelhersteller mit dem Ansatz des „Shared Value“. Der effiziente Umgang mit Ressourcen und die Einbindung aller Stakeholder sind hierselbstverständlich.

Das Beratungshaus Accenture hat ausgewiesene Expertise bei Sustainability. Wie lauten da die Beratungsansätze und woher kommen die meisten Aufträge?

Wir fokussieren uns auf drei Bereiche, die aktuell für unsere Kunden am wichtigsten sind: Der erste Bereich umfasst Resourceneffizienz und die Schließung von Stoffkreisläufen. In Kürze erscheint unser Buches „Waste to Wealth“, das sich umfassend mit den verschiedenen Geschäftsmodellen der „Circular Economy“ auseinandersetzt. Unter dem zweiten Bereich „Trust, Traceability, und Transparency“ verstehen wir die Weiterentwicklung der Lieferkette unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten.

In der gemeinsam mit dem World Economic Forum veröffentlichten Studie „Beyond Supply Chains – Empowering Responsible Value Chains” zeigen wir 31 Business Cases, bei der sich Nachhaltigkeit positiv auf die Effizienz und Effektivität von Lieferketten auswirkt. Der dritte Bereich „Sustainable Value Management“ befasst sich mit der Berechnung des gesellschaftlichen und ökonomischen Beitrags der Nachhaltigkeitsaktivitäten von Organisationen. Mit Unternehmen arbeiten wir hier unter anderem an den Themen Quantifizierung der
Nachhaltigkeitswirkung anhand von konkreten Pilotprojekten, ganzheitliches Portfoliomanagement und Investitionsentscheidungen im Kontext von Nachhaltigkeit, sowie die IT-Integration von wertorientiertem Nachhaltigkeitsmanagement. In der Zusammenarbeit mit Accenture schätzen unsere Kunden vor allem die lokale, und fachliche Expertise, die je nach Bedarf mit unseren internationalen Kollegen erweitert wird.

Herr Holst, danke für das Interview!

 

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