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Der streitbare Straßenverkäufer

21. Februar 2017, 11:34

Ein Frühstück im Café ist schon was Feines. „Stimmt!“, dachte sich Peter Lindmoser – und damit er es leichter hat, baute er sich sein eigenes Café. Das kleinste Café Wiens, wie er glaubt, gleich um die Ecke seiner Wohnung. Aber Gastronom ist er keiner – darauf besteht er beharrlich. Denn begonnen hatte schließlich alles ganz anders.
 
Text: Martin Ögg
 
Peter Lindmoser sitzt in einem Konferenzraum in Wien. Er schwitzt. Trotz der kühlen Herbsttemperaturen. Vor wenigen Tagen noch war er sich sicher, durch den Verkauf seiner Firma „Putzteufel“ bald ein gemachter Mann zu sein. Jetzt schien sich alles aufzulösen, schien er alles zu verlieren. Peter Lindmoser fühlt sich ohnmächtig. Zum ersten Mal in seinem Arbeitsleben …
 
Begonnen hab ich meine Karriere eigentlich als Installateurslehrling. Da hat man um 07.30 Uhr angefangen zu arbeiten und permanent auf die Uhr gesehen: „Wann wird es endlich Dreiviertelneun!“ Nach der Jause hat man auf Mittag gewartet. Nach Mittag auf den Feierabend. Ich dachte mir: „Lindmoser, du hast nur ein Leben und schaust ständig auf die Uhr, wann der Arbeitstag endlich um ist …“
 
Ich wollte an meiner Leistung gemessen werden und nicht an abgedienter Zeit. Am liebsten wollte ich in den Außendienst. Aber wer gibt einem 18-jährigen Installateursgesellen schon einen Job im Außendienst? Also bin ich in meiner Heimatgemeinde zum Verlag Stiefel, zum Inhaber, dem Herrn Stiefel, und war derart unnachgiebig, dass der es irgendwann mit mir probiert hat. Ich wurde drei Tage eingeschult, dann bin ich gleich losgefahren. Allein. Jeden Montag um vier Uhr früh von Mariazell aus nach Deutschland, Schweiz, Südtirol … Ich habe Schulen besucht und Schulwandkarten verkauft. Ausrollbar. Ohne Termin. Da musste man schon auch mal den Lehrer in der Klasse stören: „Grüß Gott, mein Name ist Lindmoser, reden wir über Bildung …!“ Das war schon ziemlich penetrant, eigentlich. Rein und Gas geben, damit der unterschreibt. Aber ich wollte das so.
 
Schon damals habe ich bemerkt, dass ich der geborene Straßenverkäufer bin. Einer, der Leute anredet und ihnen etwas verkauft. Solche Typen gibt es nicht so oft. Obwohl ich erst im Oktober begonnen hatte, wurde ich bei meiner ersten Weihnachtsfeier schon als drittbester Verkäufer geehrt. Aber die ständige Fahrerei nach Deutschland wurde mir auf Dauer zu mühselig und trotz meines jungen Alters wollte ich meine Erfahrung weitergeben. Mit 23 – und da gab es ganz nebenbei auch den ersten Kontakt mit der Gastronomie …
 
Ich heuerte bei einer Brauerei an und wurde „Bierversilberer“, zuständig für Wien und verantwortlich für ein kleines Team. Es hat Spaß gemacht, war aber so schnell vorbei, wie es begonnen hat – das Ende war einigermaßen unrühmlich: Ich hatte damals mit dem Personalchef in Salzburg eine Kilometergeld-Pauschale für Wochenendheimfahrten ausverhandelt. Das wurde mir später von meinem Wiener Vorgesetzten prompt wieder gestrichen. Als junger Rebell hab ich nicht viel nachgedacht und einfach weiterverrechnet. Mein Vorgesetzter hat mich zur Rede gestellt … und ich hab gekündigt. Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar: „Nie wieder angestellt. Nie wieder vom Wohlwollen anderer abhängig sein.“
 
„Unabhängigkeit … Gewinnen …“ Peter Lindmoser sieht im Konferenzraum sorgenvoll die Wogen hoch gehen. Die Lage ist verzwickt, aber er ist auch jetzt bereit zu kämpfen. Sein Blick streift aus dem Fenster: „Wahrscheinlich sind die sogar von uns geputzt worden“, denkt er und muss fast laut auflachen. Ihm war immer klar, dass es im Leben ganz schnell von ganz oben nach ganz unten gehen kann. Er weiß, dass er jetzt all sein Geschick, all seine Verhandlungs- und Verkaufskunst anwenden muss, um nicht alles zu verlieren, was er sich von Null und von der Straße weg aufgebaut hat.
 
Eine meiner nächsten Stationen war eine Linzer Mattenservicefirma. Die haben sehr hohe Provisionen bezahlt. Diese Firma hatte mit allen Postämtern einen Vertrag, Fußmatten aufzulegen. Ich konnte exklusiv alle Postämter in Ostösterreich betreuen. Ich bin also zu meinem ersten Kunden, zum Stockerauer Postamt. Hab mir die Fläche angesehen, alles ausgemessen und bin dann zur Pizzeria nebenan gegangen mit den Worten: „Jetzt habt ihr die Möglichkeit, beim Postamt nebenan Werbung zu platzieren …“ 30 Prozent Provision waren für mich. Ich rechnete mir aus: „Ich brauch nur 300.000 Schilling Umsatz im Monat, dann hab ich meinen Hunderter.“ Ich hab mir so ein richtiges Verkaufssystem aufgebaut. In manchen Monaten habe ich um eine Million Schilling Fußmatten verkauft. Bis das dem Geschäftsführer wohl zu viel geworden ist und er meine Provisionen nach oben hin eingefroren hat. Unfassbar.
 
Da war für mich klar: Ich muss selber Kaufmann werden. Vorbereitet hatte ich das schon: Ich hab einfach neben meinen Matten noch selbständig eine Glasreinigung dazu verkauft. Dafür habe ich mit einem Bekannten 1996 die Firma „Putzteufel“ gegründet. Wir wussten nicht, wie Fensterputzen geht, wussten nichts über Kollektivvertrag oder Gewerbeberechtigung …, wir haben einfach losgelegt. Das einzige, was wir hatten, war eine Reinigungsvereinbarung, die der Kunde unterschreiben konnte. Im September habe ich mit dem Akquirieren begonnen, am 1. Jänner 1996 wollten wir anfangen zu putzen. Im ersten Monat hatten wir 12.000 Schilling Umsatz. Am Jahresende 700.000 Schilling und drei Mitarbeiter. Im zweiten Jahr sieben Millionen dann 14, 28 Millionen … das große Ziel war die 100 Millionen Schilling Hürde. Die schafften wir auch tatsächlich noch rechtzeitig vor der Euro Umstellung. Leider wurden nach und nach die Konkurrenten hellhörig und auch die Innung. Unser Erfolg ließ sich nicht so leicht verbergen. Es hagelte Klagen und wir mussten plötzlich an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen. Trotzdem sind wir weiter gewachsen: 16 Millionen Euro Umsatz schrieben wir, als wir elf Jahre später verkaufen wollten. Ein großer Baukonzern war interessiert und machte uns ein Angebot …
 
Lindmoser weiß, dass nichts in Stein gemeißelt ist, egal wie solide es aussieht. Er erinnert sich an dieses Frühjahr. In der zweiten Runde hat er den Verhandlungstisch entrüstet verlassen, nachdem der Konzern kurzerhand den Kaufpreis halbiert hatte. Nach einer kurzen Bedenkzeit wurde doch weiterverhandelt. Putzteufel war eine große Nummer und eine attraktive Investition. In nur wenigen Jahren war das Unternehmen zu den zehn größten in der Branche aufgestiegen. Das Geschäft war im Laufe der Zeit erweitert worden auf Fahrzeugreinigung – Busse, Straßenbahnen, Flugzeuge. Dann hatte Lindmoser den größten Abschluss seiner Geschichte gemacht – einen Zehnjahresvertrag mit der ÖBB: Pro Jahr vier Millionen Euro. Insgesamt: 40 Millionen Euro fix. 700 Mitarbeiter beschäftigte das Unternehmen insgesamt. Doch just dieser Deal bereitete ihm jetzt völlig unerwartet große Sorgen.
 
Das war ein Krimi. Wir haben im September 2008 den Kaufvertrag unterschrieben. Der Putzteufel war also verkauft. Wie bei solchen Deals üblich, war bis zum Closing im Dezember Stillschweigen vereinbart worden. Plötzlich kam im Oktober eine Presseaussendung in Umlauf, dass dieser Baukonzern, der Ambitionen im Schienenverkehr hatte, den Putzteufel gekauft hätte, der sehr erfolgreich in der Verkehrsmittelreinigung tätig ist.
 
Vierzehn Tage später lag sie eingeschrieben auf meinem Tisch: die „außerordentliche Vertragskündigung“ von unserem größten Auftraggeber. Wir waren geschockt und wie gelähmt. Am Freitag darauf dann noch ein Fax, vom Baukonzern: „Wir treten aufgrund einer signifikanten Umsatzverminderung vom Kaufvertrag zurück.“ Die Katastrophe war perfekt.
 
Lindmoser schafft es, noch einmal ein Treffen mit allen Beteiligten zu arrangieren. Es wird stundenlang gestritten, beschuldigt, gedroht, aber auch ehrlich verhandelt. Letztlich einigen sich die Parteien und der Putzteufel-Verkauf wird durchgewunken. Lindmoser hat verhandelt wie ein Weltmeister.
 
Lange ruhte er sich allerdings nicht auf seinen Gewinnen aus. Dafür hatte er zu viele Ideen und zu viel Energie. Kapital war vorhanden, also begann wieder von vorne. Von der Straße. Lindmoser gründete die „Freshwater Vertriebs-GmbH“. Er füllte Wasser ohne Zusatzstoffe direkt aus Quellen in Wildalpen in Wasserspender und stellt sie in Unternehmen auf. Einige 1.000 Verträge in Österreich. Wieder spulte er seine Kilometer ab – und auch wenn Freshwater nach einiger Zeit sehr erfolgreich operierte, ganz zufrieden war er nicht. Er wollte endlich ein Geschäft, bei dem er seinen Kunden nicht nachlaufen musste. Eines, wo die Menschen zu ihm kamen und von sich aus kauften. Verschiedene Ideen wurden geboren und wieder verworfen bis er die Lösung fand. Wieder auf der Straße – und im Kaffee: Damit die Menschen nicht zum Kaffee kommen müssen, bringt er den Kaffee zu den Menschen. Mit Mopeds, die er zu mobilen Espresso-Stationen umbaut und die er „Espressomobil“ nennt.
 
Heute versorgen elf dieser umgebauten Piaggio Apes die bestfrequentierten Plätze Wiens mit erstklassigem Kaffee. In guten Monaten verkauft Lindmosers Team einige 10.000 Portionen Kaffee. Sehr viele Cafetiers in Wien wird es wohl nicht geben, die diese Zahl erreichen. Wie schon bei seinen anderen Geschäftsideen hatte Lindmoser auch hier einige Hürden zu überwinden.
 
Es gibt keinen zweiten in Europa, der so viele Kaffee-Wagerl betreibt. Nicht ohne Grund: Man hat unglaublich viele Nebenkosten: Lagerhalle, Anhänger, Verkäufer, Autos, Mieten et cetera … Mit einem einzigen Wagerl brauchst gar nicht anfangen. So ein Mobil sorgt immer für Überraschungen: Motorschaden, Achsbruch, Tankleck, Elektronik … Ich hab einen fixen Mechatroniker beschäftigt, der täglich kommt und die Wagerl checkt. Der Wasserspender tropft, die Kaffeemaschine klemmt, ein Blinker geht nicht, eine Klappe ist ausgerissen. Manche Ersatzteile sind Monate nicht lieferbar. Ein Monat ohne Umsatz. Was machst du da als One-Man-Show? Wenn man nicht in größeren Dimensionen denkt, rentiert sich das nie. Und die Großen haben nicht diese Geduld, die man braucht, um diese Art von Straßenverkauf erfolgreich zu betreiben.
 
Zum Beispiel für die Streiterei mit der Innung. Ich hatte bei der Wirtschaftskammer angefragt, was ich benötige um das korrekt zu machen. Damals haben die mir gesagt: „Herr Lindmoser, was sie vorhaben, ist verboten.“ Sag ich: „Ich hab mich aber schon entschieden, dass ich das mache. Ich verkaufe keine Drogen und wir sind eine freie Marktwirtschaft. Was muss ich berücksichtigen?“ Sagt die Kammer: „Tut uns leid, für ‚Feilbieten im Umherziehen‘ gibt es seit 30 Jahren keine Gewerbeberechtigung mehr.“ Daraufhin habe ich mir die Gewerbeordnung tagelang reingezogen und festgestellt, dass es nur ein einziges Problem gab: Ich war am Hauptstandort ein Bürobetrieb und kein Gastronom! Da bin ich richtig heiß geworden und hab einfach mein Geschäft aufgezogen. Als Handelsgewerbe. Mit dem Ergebnis, dass wir gestalkt und wöchentlich angezeigt wurden, wegen fehlender Gewerbeberechtigung. Wir mussten regelmäßig unsere Verträge für die Miete der Standflächen unserer Wagerl vorweisen. Es war immer alles in Ordnung, die Polizei ist jedes Mal unverrichteter Dinge abgezogen. Aber der Druck, die Anzeigen, die Klagen. Der Innungsvertreter hat mir über die Kronenzeitung ausrichten lassen: „Raus mit den Kaffee-Vagabunden aus Wien.“ Das muss man sich mal vorstellen.
 
Fast ein Jahr lang musste Lindmoser den Fall ausjudizieren, bis ihm der Verwaltungssenat, letztlich Recht gab. Schließlich hat er dann doch noch als „Wiener Stehkaffee“ das Gastrogewerbe angemeldet. Mehr als 2.000 Euro Kammerumlage sind jährlich fällig, weil er für jeden Betriebsstandort eine eigene Betriebsstätte anmelden muss – schwierig bei mobilen Kaffeestationen, die ständig unterwegs sind. Damit er selbst nicht immer solange nach dem nächsten Espressomobil suchen muss, hat er sich dann eben für sein eigenes Frühstück gerade das – wie er sagt – kleinste Steh-Café Wiens eingerichtet. Gleich ums Eck von seiner Wohnung. Denn: Ein Frühstück im Café ist schon was Feines.
 
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